Maßlinien

Du stehst im Licht, und ich vergesse
für einen Atemzug das Maß.
Dein Lachen fällt wie späte Nässe
auf Stein, der längst kein Wasser las.

Ich bin aus anderem gemacht —
aus Vorsicht, abgezählten Jahren,
aus Sätzen, die mir beigebracht,
dass man Gefühl in Rahmen fasst,
bevor es über Ränder geht.
Dreimal dein Leben trag ich mit.
Dreimal so viel gelernte Strenge.
Was mich bewegt, geht durch die Enge
von Regeln, die ich nie befragt.

Du aber kommst mir so entgegen,
als trügest du kein zweites Wort
für das, was zwischen uns sich regt —
du nennst es nicht, du gehst nicht fort.
Du siehst mich an, als wäre ich
nur ein Mann, der einer Frau gefällt.
So einfach. So bestürzend hell.
Und ich steh da und halt mich fest.

Denn wenn du lächelst, länger, als
der Zufall es erlauben würde,
dann rutscht in mir ein altes Schloss
von einem Riegel, den ich kenne,
den ich seit Jahren öle, pflege —
und er geht auf, und was dahinter
seit Monaten auf Abruf wartet,
nennt sich beim Namen: Liebe. So.

Ich fang es ein. Ich schließ es zu.
Ich atme flach. Ich steh gerade.
Ich ordne mich, als wäre Ruhe
nur eine Frage der Fassade —
und finde Halt in dem Gerüst,
das mich erzog, bevor ich wusste,
dass es ein Käfig werden müsste,
sobald mich jemand wirklich trifft.

Ich hab mir ausgemalt, ich wäre
noch einmal jung, noch einmal leicht,
noch einmal frei von dieser Schwere,
die alles wiegt, bevor es reicht —
doch wenn ich rückwärts rechne, kühl,
so wie ich alles rückwärts rechne,
dann warst du nicht. Dann gab es dich
noch nicht. Nicht einmal als Idee.
Der Witz, den keiner lacht:
Ich müsste mich zurückerfinden,
und du wärst dann erst recht
ein leerer Platz.

Das Schlimmste ist: Nur ich sag nein.
Kein Richter. Keine fremde Stimme.
Nur dieses eine Grundgerüst,
das in mir steht wie alter Klinker —
gesetzt, bevor ich sprechen konnte,
gehärtet, eh ich lieben lernte.
Du stündest offen vor der Tür.
Ich bin es, der sie nicht aufmacht.

Du gehst durch Licht, das ich dir lasse,
und nimmst nichts mit, und ahnst vielleicht,
dass da noch etwas war — ein Schatten,
der neben dir ein Stück weit reicht.

Und manchmal, kurz,
wenn niemand hinsieht,
leg ich die Hand
an den Verlust
von etwas,
das nie meins war —
und hätte meins sein können.