Die Bibliothekarin sortierte die Bücher nach dem Gewicht der Sätze. Nicht nach Gramm. Nach der Art, wie sie in der Hand lagen, wenn man sie laut las. Manche Sätze zogen den Arm nach unten. Andere hoben ihn an, unmerklich, wie eine Frage, die man nicht stellen will.
Die schweren Bücher standen unten. Im Keller, auf Regalen aus Beton, die eigentlich für Aktenordner gebaut waren. Dort standen Tolstoi und ein Telefonbuch aus Wuppertal von 1972. Beide gleich schwer. Beide gleich still.
Die leichten Bücher standen oben, auf Regalen, die aus der Wand wuchsen wie Äste. Man brauchte eine Leiter. Die Bibliothekarin hatte die Leiter abgeschafft. Wer lesen wollte, musste klettern. Die meisten kletterten nicht. Die meisten standen unten und sahen nach oben und verwechselten das mit Lesen.
Ein Kind kam jeden Donnerstag und fragte nach einem Buch, das nicht existierte. Die Bibliothekarin suchte trotzdem. Sie ging durch alle Regale, vom Keller bis zu den Ästen, und kam zurück mit leeren Händen und einem Gesicht, das sich entschuldigen wollte, aber nicht durfte. Das Kind nahm die leeren Hände, bedankte sich und ging. Es kam nächsten Donnerstag wieder.
Eines Tages fand sie es. Nicht das Buch, das das Kind verlangt hatte. Ein anderes. Eines, das so leicht war, dass es nicht auf dem Regal lag, sondern knapp darüber schwebte. Sie nahm es herunter. Es hatte keinen Titel. Die Seiten waren beschrieben, aber die Schrift verschwand, sobald man den Blick darauf richtete. Man konnte es nur lesen, wenn man daneben sah.
Sie legte es auf den Tresen. Das Kind kam am Donnerstag. Es sah das Buch nicht an. Es nahm es mit. Es brachte es nie zurück.
Die Bibliothekarin trug die Lücke im Regal als neue Kategorie ein: Bücher, die gelesen wurden.