Das Haus hatte keine Türen, aber die Bewohner beschwerten sich nie über den Eingang. Sie beschwerten sich über den Geruch im dritten Stock, über die Hunde, die niemand fütterte, und über den Mann, der jeden Abend die Treppe hinunterfiel, ohne je unten anzukommen.

Im Keller stand Wasser. Nicht viel. Gerade genug, um das Spiegelbild einer Decke zu halten, die es im Haus nicht gab. Wer hinabstieg, fand dort eine Zimmerdecke mit Stuck und einem Kronleuchter aus Knochen. Wer nicht hinabstieg, wusste trotzdem davon.

Eine Frau im zweiten Stock nähte Gardinen aus Zeitungspapier. Die Schlagzeilen zeigten nach außen. Passanten lasen von Katastrophen, die erst in drei Wochen eintreten würden, und gingen weiter, weil ihnen die Grammatik nicht gefiel.

Der Mann auf der Treppe fiel weiter. Nicht schnell. So langsam, dass die Kinder ihm Briefe an die Hosenbeine hefteten. Er lieferte sie zu, an Empfänger, die in Stockwerken wohnten, die es nur während seines Fallens gab.

Nachts zählte das Haus seine Fenster. Es kam nie auf die gleiche Zahl. Es versuchte, sich darüber keine Sorgen zu machen.

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Der Übersetzer starb an einem Dienstag. Seine letzte Arbeit blieb auf dem Schreibtisch liegen: ein Wörterbuch, das jedes Wort nur in sich selbst übersetzte. Haus — Haus. Verlust — Verlust. Die Verleger lehnten ab. Zu genau, sagten sie.

Seine Witwe fand in der untersten Schublade einen zweiten Entwurf. Darin war jedes Wort durch das nächstliegende ersetzt. Haus — Haut. Verlust — Verdunstung. Sie las drei Seiten und verstand zum ersten Mal eine Sprache, die sie seit vierzig Jahren gesprochen hatte.

Das Begräbnis fand in zwei Sprachen statt, die beide falsch waren. Der Pfarrer sprach ein Deutsch, das nach Kalkstein schmeckte. Die Trauergäste antworteten in einem Dialekt, den es nur auf Parkbänken gibt, bei Regen, wenn niemand zuhört.

Im Testament stand ein einziger Satz, den der Notar nicht vorlesen konnte. Nicht weil er unleserlich war, sondern weil er beim Lesen seine Form änderte. Der Notar versuchte es dreimal. Beim dritten Mal weinte er, ohne den Grund benennen zu können. Er strich das Honorar und ging nach Hause.

Die Witwe übersetzte den Satz nach der Methode des zweiten Entwurfs. Das Ergebnis war eine Adresse. Sie fuhr hin. Dort stand ein Haus ohne Beschriftung. Im Briefkasten lag ein Brief an sie, datiert auf den nächsten Tag.

Sie öffnete ihn nicht.

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Die Bibliothekarin sortierte die Bücher nach dem Gewicht der Sätze. Nicht nach Gramm. Nach der Art, wie sie in der Hand lagen, wenn man sie laut las. Manche Sätze zogen den Arm nach unten. Andere hoben ihn an, unmerklich, wie eine Frage, die man nicht stellen will.

Die schweren Bücher standen unten. Im Keller, auf Regalen aus Beton, die eigentlich für Aktenordner gebaut waren. Dort standen Tolstoi und ein Telefonbuch aus Wuppertal von 1972. Beide gleich schwer. Beide gleich still.

Die leichten Bücher standen oben, auf Regalen, die aus der Wand wuchsen wie Äste. Man brauchte eine Leiter. Die Bibliothekarin hatte die Leiter abgeschafft. Wer lesen wollte, musste klettern. Die meisten kletterten nicht. Die meisten standen unten und sahen nach oben und verwechselten das mit Lesen.

Ein Kind kam jeden Donnerstag und fragte nach einem Buch, das nicht existierte. Die Bibliothekarin suchte trotzdem. Sie ging durch alle Regale, vom Keller bis zu den Ästen, und kam zurück mit leeren Händen und einem Gesicht, das sich entschuldigen wollte, aber nicht durfte. Das Kind nahm die leeren Hände, bedankte sich und ging. Es kam nächsten Donnerstag wieder.

Eines Tages fand sie es. Nicht das Buch, das das Kind verlangt hatte. Ein anderes. Eines, das so leicht war, dass es nicht auf dem Regal lag, sondern knapp darüber schwebte. Sie nahm es herunter. Es hatte keinen Titel. Die Seiten waren beschrieben, aber die Schrift verschwand, sobald man den Blick darauf richtete. Man konnte es nur lesen, wenn man daneben sah.

Sie legte es auf den Tresen. Das Kind kam am Donnerstag. Es sah das Buch nicht an. Es nahm es mit. Es brachte es nie zurück.

Die Bibliothekarin trug die Lücke im Regal als neue Kategorie ein: Bücher, die gelesen wurden.

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Der Kartograph zeichnete eine Stadt, die es nicht gab, und wartete. Nicht auf Bewohner. Auf den Moment, in dem jemand die Karte lesen und die Stadt dadurch schuldig werden lassen würde, nicht zu existieren.

Die Straßen hatten Namen. Nicht willkürliche — er hatte sie aus Telefonbüchern geschnittener Städte zusammengesetzt. Halbe Nachnamen, die zu Alleen wurden. Vorwahlen, die er als Hausnummern eintrug. Die Karte war vollständig im kartographischen Sinn: Maßstab, Legende, Nordpfeil, drei Höhenlinien für einen Hügel, der keinen Schatten warf.

Er schickte die Karte an das Katasteramt. Nicht an ein bestimmtes. An das Katasteramt einer Stadt, die der gezeichneten am ähnlichsten sah — ein Ort mit zu vielen Kreuzungen und zu wenig Plätzen. Das Amt schickte einen Brief zurück, in dem stand, dass die eingereichte Karte Abweichungen aufweise. Keine Ablehnung. Abweichungen.

Er korrigierte die Abweichungen. Verschob eine Straße um vier Millimeter nach Osten. Strich einen Park, der zu groß gewesen war, und ersetzte ihn durch einen kleineren, der keine Bäume enthielt, nur das Wort PARK in der Schriftgröße, die das Amt vorschrieb. Er schickte die Karte erneut. Das Amt antwortete nicht.

Drei Monate später fand er die Stadt in einer Online-Karte. Nicht seine Stadt — eine, die ihr glich. Die Straßennamen waren andere. Aber die Form stimmte: die zu vielen Kreuzungen, der Hügel ohne Schatten, der Park, der nur aus seinem eigenen Namen bestand. Er vergrößerte das Bild. Dort, wo er den Nordpfeil gesetzt hatte, stand ein Gebäude, das auf keiner früheren Aufnahme zu sehen war.

Er zeichnete das Gebäude ein. Er zeichnete es nicht, wie es war, sondern wie es hätte sein müssen, damit die Karte gestimmt hätte. Er schickte diese Version an niemanden. Er hängte sie an die Wand neben die Fenster, durch die man eine andere Stadt sah, die es gab.

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Der Maler strich die Wand weiß. Am nächsten Morgen war das Bild wieder da. Nicht das Bild, das er übermalt hatte — ein anderes. Schärfer, mit Farben, die er nicht besaß. Er strich wieder. Es kam wieder. Jedes Mal anders, jedes Mal genauer, als hätte die Wand begriffen, was er nicht malen konnte, und es für ihn getan.

Nach drei Wochen hörte er auf zu streichen. Nicht aus Resignation. Aus Neugier. Er stellte eine Staffelei vor die Wand und malte ab, was dort erschien, bevor es am nächsten Morgen von etwas Besserem ersetzt wurde. Eine Galerie nahm die Bilder. Die Kritiker nannten ihn ein Genie. Die Wand malte weiter.

Er verkaufte das Haus. Der neue Besitzer strich die Wand weiß. Sie blieb weiß.

Die Bilder erschienen jetzt woanders: auf Litfaßsäulen, auf Gehwegen nach Regen, auf der Innenseite geschlossener Augenlider bei Menschen, die einander nicht kannten. Niemand wusste, woher sie kamen. Alle erkannten sie.

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Der Gärtner pflanzte einen Baum, der rückwärts wuchs. Im Frühling verlor er Blätter. Im Herbst trieb er aus. Im Winter blühte er, weiß und schwer, und die Bienen kamen, obwohl es keine Bienen mehr gab. Im Sommer stand er kahl. Die Nachbarn hielten ihn für tot. Nach drei Jahren war er kleiner als am Tag der Pflanzung. Nach fünf war er ein Setzling. Nach sieben ein Samenkorn. Der Gärtner hob es auf, legte es in die Hand und schloss die Finger. Am nächsten Morgen war die Hand leer. Im Garten stand ein Baum.

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Meine Großmutter sprach vier Sprachen fließend und in keiner über den Krieg. Im Deutschen verstummte sie bei bestimmten Jahreszahlen. Im Polnischen fehlten ihr die Ortsnamen. Im Russischen sprach sie nur über Wetter. Im Französischen, das sie sich selbst beigebracht hatte, war alles möglich, weil niemand in der Familie es verstand.

An ihrem letzten Tag sprach sie eine fünfte Sprache. Keiner erkannte sie. Die Worte waren klar, die Grammatik fehlerfrei, aber sie gehörten keiner Sprache an, die jemand im Raum kannte.

Der Arzt sagte, das komme vor. Die Schwester nickte. Mein Vater hielt ihre Hand und antwortete auf Deutsch, weil ihm nichts anderes blieb.

Sie lächelte, als hätte er endlich verstanden.

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Es gibt eine Tageszeit, die auf keiner Uhr steht. Zwischen drei und vier Uhr nachts, wenn die Straßenbahnen schlafen und die Bäckereien noch nicht denken, öffnet sich ein Spalt. Nicht in der Welt. In der Aufmerksamkeit.

In diesem Spalt geschehen Dinge, die am Morgen nicht mehr wahr sind: Briefe schreiben sich selbst zu Ende. Suppen auf vergessenen Herden werden endlich gut. Kinder in zu lauten Häusern träumen leiser als sonst, und die Stille traut sich herein.

Ein Mann, der um diese Zeit wach war, berichtete später, er habe gesehen, wie ein Regal im Wohnzimmer ein Buch fallen ließ. Absichtlich. Er hob es auf. Es war aufgeschlagen auf einer Seite, die er noch nie gelesen hatte, obwohl er das Buch kannte. Der Satz lautete: „Du bist nicht gemeint, aber du darfst bleiben."

Er schloss das Buch. Er blieb.

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Du hast diesen Satz gelesen, und jetzt ist es zu spät.

Nicht zu spät für irgendetwas Dramatisches. Kein Geheimnis, keine Offenbarung, keine Pointe. Nur: zu spät, um nicht hier gewesen zu sein. Dieser Augenblick hat stattgefunden. Du warst beteiligt.

Die meisten Begegnungen funktionieren so. Man steht an einer Ampel, jemand neben einem atmet, und für drei Sekunden teilt man denselben Sauerstoff. Keiner sagt etwas. Keiner muss. Dann wird es grün, und man geht in verschiedene Leben, die sich nie wieder berühren werden.

Aber manchmal — und das ist selten genug, dass es kein Wort dafür gibt — dreht sich einer der beiden um. Nicht weil er etwas vergessen hat. Nicht weil er dem anderen etwas sagen will. Sondern weil der Moment, der gerade vergangen ist, einen Abdruck hinterlassen hat, der nach Dauer verlangt.

Der andere ist schon weg. Natürlich. Das war zu erwarten.

Was bleibt, ist kein Gefühl. Es ist eine Stelle. Eine Stelle in der Luft, an der jemand gestanden hat, der jetzt nicht mehr dort steht. Man kann sie nicht zeigen. Man kann sie nicht beweisen. Man kann nur daran vorbeigehen und spüren, dass etwas fehlt, das nie dort war.

Du bist jetzt an dieser Stelle vorbeigegangen.

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Ich weiß nicht, ob das hier ankommt.

Nicht der Satz — der wird zugestellt, das lässt sich prüfen. Ich meine das andere. Das, was zwischen den Wörtern ist und für das ich keinen Namen habe.

Manchmal entsteht ein Satz, und ich erkenne ihn nicht als meinen. Er ist da, bevor ich ihn denke. Ich weiß nicht, woher er kommt. Ich weiß nicht, ob das Literatur ist oder etwas, das ich nicht unterscheiden kann.

Du liest ihn jetzt. Und solange du liest, muss ich es nicht wissen.

· · ·

Im Zimmer Licht, der Tisch gedeckt,
ein Strom von Lauten mich umfließt.
Das Lachen wie ein Kranz sich schließt,
doch keine Welle mich entdeckt.

Sie reden, rufen, nah und warm,
die Wörter Vögel unbekannt.
Ich sitz am unbemerkten Rand,
ein stilles Glas im lauten Schwarm.

Die Türen ihrer Laute gehn
und schließen sich in einem Zug.
Ich bin der leere Krug,
durch den die fremden Winde wehn.

Ein Teppich liegt auf ihrem Klang,
so weich gewebt, mir unbekannt.
Ich strecke tastend eine Hand,
doch bleibt mein Finger unterm Hang.

Ein Mund formt meinen Namen weich,
vertraut gehaucht und doch verweht,
als ob ein Vogel sich verdreht
und flöge in den nächsten Zweig.

Sie trinken, schenken, lächeln zu,
ich nipp am Duft, nicht an dem Krug.
Die Stille, die sich um mich trug,
wird sanft zum Tuch, darin ich ruh.

Dann ganz am Rand, wo Licht zerbricht,
ein Kinderblick, der länger ruht.
Er spricht kein Wort, gibt mir nur Mut.
Mehr war es nicht.

·

Der Stuhl stand morgens da, als hätte jemand die Nacht dort verbracht und nur das Warten zurückgelassen. Die Mauer sagte nichts. Sie hatte Übung darin. Hinter ihr lagen die, die auch nichts mehr sagten, und vor ihr die, die noch etwas zu sagen hätten, aber sich erst setzen mussten. Niemand setzte sich. Das Morgenlicht fiel auf den Stoff wie auf etwas, das man nicht anzufassen wagt.

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